Verfasst von Frank Neumann am 21.02.07 13:01:06 - 0 Kommentare

Tagebuch eines Skandals

Notes on a Scandal

Moviereporter-Bewertung:
  • 5.5/6 Sterne.
Leserwertung (4): 4.75 / 6

Land Großbritannien

Genre Drama

Laufzeit: 92

Jahr 2006

Webseite
Trailer

Kinostart: 22.02.2007
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Inhalt

Der Fehler einer Frau bedeutet auch gleichzeitig eine neue Gelegenheit.

Barbara Covett (Judi Dench), eine strenge, respektierte, aber allseits unbeliebte Lehrerin führt ein unaufgeregtes Leben als alte Jungfer. Allabendlich vertraut sie ihrem Tagebuch ihre heimlichen Hoffnungen und Wuensche an und doch scheint jeder Tag wie der andere zu sein. Erst die Ankunft der jungen, verheirateten Kollegin Sheba (Cate Blanchett) bringt Schwung in ihr Leben. Wie der Rest des Lehrkörpers ist sie elektrisiert von der entrückten Schönheit der neuen Kunstlehrerin. Sheba ist in etwa das genaue Gegenteil von ihr: Jung, ausgelassen und sehr sympathisch und trotz ihrer Verschiedenheit freunden sich die beiden Frauen an. Nach anfänglich harmlosem Start drängt sich Barbara aber mehr und mehr in Sheba´s Leben, ohne dass diese auch nur ahnt, dass die alte Lehrerin sie beide insgeheim schon als glücklich liebendes Paar sieht. Denn, das steht für die alte Lehrerin fest, Shebas reale Familie ist Ihrer nicht würdig; Ehemann Richard (Bill Nighy) ist desinteressiert, der autistische Sohn zu zeitaufwendig und die Tochter ein emotionaler Teenager.
Als Sheba jedoch heimlich eine Affaire mit einem 15jährigen Schüler beginnt und Barbara davon erfährt, erhält diese ungleiche Frauenfreundschaft eine neue Dynamik. Zur heimlichen Liebe, brennendenm Eifersucht und schwelendem Hass erlebt Barbara nun noch ein neues berauschendes Gefühl: das der Macht. Macht darüber einen Menschen zu zerstören oder sich mit ihrem Schweigen weit mehr als nur Zuneigung zu erkaufen. Und so steuern die beiden Frauen unentwegt auf eine Katastrophe zu.

Kritik

Um es auf einen Punkt zu bringen: "Tagebuch eines Skandals" ist in jeder Hinsicht perfekt. Fangen wir bei den Schauspielern an: Die beiden Giganten Blanchet und Dench spielen sich in jeder Szene die Bälle so gekonnt zu, dass es unmöglich ist, sich von der Geschichte nicht fesseln zu lassen. Egal ob sie sich gegenseitig ihre Geheimnisse anvertrauen, sich auf den anderen stützen oder dann zum Ende der Geschichte handgreiflich werden; immer treffen beide Schauspielerinnen in all dem Chaos um sie herum den richtigen Ton und lassen den Zuschauer jederzeit an ihrem Gefühlsleben teilhaben. Dies liegt vor allem an den zwei gutgeschriebenen Charakter-Hauptrollen, die von den beiden Schauspielerinnen mit Nuancen und Vielschichtigkeit zum Leben erweckt werden.

Dench versucht erst gar nicht Sympathiepunkte für ihre Figur zu gewinnen. Ihre Barbara ist eine unsympathische, hassenswerte Frau, die Unheil über die Menschen bringt; genauso schlau und gewieft wie hinterhältig und heimtückisch. Als sie von der Affaire ihrer Freundin erfährt denkt sie nicht eine Sekunde daran, wie sie ihr helfen kann, sondern sieht von Anfang an darin ihren Vorteil über das Schicksaal eines Menschen zu bestimmen. Und doch lässt sie hinter all der Berechnung eine tiefe, bodenlose Einsamkeit erkennen, aus der ihre entstehende Verzweiflung nicht verständlich aber nachvollziehbar wird. Blanchett hingegen gibt ihrer Sheba eine gewisse Unschuld und Naivität, die man sofort beschützen will. Manchmal hat man das Gefühl dass diese junge Frau nicht gut genug auf diese Welt mit all ihren Versuchungen und Gefahren vorbereitet wurde. Sie fasst sofort Vertrauen zu der anfangs sehr hilfsbereiten Kollegin und bindet sie in ihr Leben ein. Obwohl Gut und Böse in diesem Film strikt getrennt ist, lässt aber auch Blanchett einen gewissen Abgrund ihrer Figur sichtbar werden. Gleichsam selbstvergessen fügt Sheba sich in das subtil Fordernde von Barbaras Freundschaft wie in das aggressive Begehrende ihres 15-jährigen Schülers.

Das Zweite, was diesen Film so vollkommen macht ist die Regie. Richard Eyre, der sich mit der hierzulande weitgehend ungesehenen Kostümkomödie "Stage Beauty"und dem Biografien Drama "Iris" einen Namen gemacht hat probiert hier etwas Neues aus. Während andere englische Regisseure aus dem brillianten Drehbuch von Theaterautor Patrick Marber wahrscheinlich einen eher bedächtigen Krimi gemacht hätten, interessiert Eyre der Wahnsinn in der Geschichte. Er hält sich niemals an Nebensächlichkeiten auf und erzählt sein Drama so stringent, konzentriert und spanned dass man von Anfang an mit im Zug sitzt.

Schon zu Beginn wird man mit Hilfe des Scores des immer wieder beeindruckenden Komponisten Philip Glass auf kommende Ereignisse vorbereitet, seine Musik ist bereits in der ersten Szene auf Dramatik, Tragik und Thrill geeicht und tut ihr Übriges um den Galopp in Richtung Wahnsinn eindrucksvoll zu untermauern. "Wahnsinn" ist überhaupt das Stichwort in diesem Film. Sämtliche Gefühle seiner Protagonisten, so toll sie auch gespielt sind, sind übersteigert und manchmal sogar über die Maßen hinaus theatralisch ausstaffiert. Da Regisseur Eyre diese Mittel jedoch gezielt und bewußt einsetzt, wirken sie an keiner Stelle des Film übertrieben oder lächerlich.

Und obwohl "Tagebuch eines Skandals" ein schneller, fast schon hetzender Thriller ist, kommen die Charakterisierung und Beweggründe seiner Figuren niemals zu kurz. Erstaunlich auch, dass den sexuellen Untertönen - verborgenes Lesbentum und und ausgelebte Unzucht mit einem Minderjährigen - sinnlich und glaubwürdig Raum gegeben wird; teilweise sogar so ungehemmt, dass man nicht das Gefühl hat in einem britischen Film zu sitzen. Der Leitspruch der Briten "No Sex please, we´re british" findet hier sicher keine Verwendung.
Völlig zu Recht wurden sowohl Film, Drehbuch als auch Darsteller mehrmals ausgezeichnet und auch bei der diesjährigen Oscarverleihung können sich Komponist, Autor und die beiden Frauen Hoffnungen machen.

Fazit: So muss Spannungskino sein. Ein excellent gespielter und inszenierter Thriller über Begierde und Obsessionen und die Schäden, die diese Gefühle anrichten.

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