Verfasst von Sebastian Müller am 08.05.06 13:55:44 - 0 Kommentare

Scharfen Kurven für Madame

Moviereporter-Bewertung:
  • 3.5/6 Sterne.
Leserwertung (1): 6.0 / 6

Land Frankreich

Genre Action, Komödie

Laufzeit: 87

Jahr 1966


Kinostart: 01.01.1966
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Inhalt

Der Herr Choleriker bittet zu Tisch.

Restaurant-Chef Septime (Louis de Funes) ist nicht nur Leiter des besten und exklusivsten Restaurants in ganz Paris. Nein er ist sogar ein Choleriker durch und durch. Er triezt und ärgert seine Leute wo es nur geht. Aber nicht nur das Personal hat seine Launenhaftigkeit zu ertragen. Auch die Gäste, wie ein französischer Kommissar (Bernard Blier) mit seinem deutschen Kollegen, müssen sich von ihm veräppeln lassen. Aber wäre das noch nicht genug ist unser Septime auch noch so teuflisch sich zu maskieren um als Gast sein Personal auf Fähigkeit zu testen. Nachdem aber dies vollends in die Hose geht und das Personal sobald der Chef weg ist macht was sie wollen, werden andere Seiten aufgezogen. Und der Chef bietet zum Kellnertraining. Dieses haben die Leute auch nötig, denn abends kommt noch der Präsident eines Staates, der in dem Restaurant essen möchte. Als dieser aber entführt wird, ist Septime der erste Verdächtige. Und zwar von dem veräppelten Kommissar, der ja Gast in der Lokalität war. Wäre das noch nicht genug soll Septime als Verbindungsmann zwischen Entführern und der Polizei agieren. Und das Chaos nimmt seinen Lauf.

Kritik

Louis de Funes Komödie, mit Actionanleihen, aus den sechziger Jahren ist ein Film, bei dem man gespalten sein kann. Während die erste Hälfte des Films, die nur im Restaurant spielt, komödiantische Weltklasse ist, wird der Film ab der Entführung des Staatspräsidenten zur absurden Tour de Farce. Mir drängt sich hier der Verdacht auf, dass man eigentlich den ganzen Film im Restaurant spielen lassen wollte und dass man diesen dann nachträglich mit einer Entführungsgeschichte und Actionszenen aufgebläht hat. Wahrscheinlich wollte man mit diese Szenen an die vorangegangenen zwei Fantomas Teile sowie an den im selben Jahr gedrehten dritten Fantomas-Teil anknüpfen.

Denn die witzige Qualität erreicht der Film in der zweiten Hälfte bei weitem nicht. Mit zweiter Hälfte meine ich den Punkt ab der Entführung. Denn vor der Entführung ist der Film mit einer der besten und lustigsten de Funes Filme die er je gedreht hatte. Wenn er als Chef und Choleriker vom Dienst seine Angestellten zur Weißglut treibt, bleibt garantiert kein Auge trocken. Ob als Chef höchstpersönlich, wenn er die Küche inspiziert und den Küchenjungen rund macht oder er als Gast verkleidet seine Angestellten auf Fähigkeit testet. Herrlich. "Herr Ober mir ziehts hier am Fenster. Ich setz mich mal an den anderen Tisch." Der Restaurantmusiker spielt am Klavier sinnloses Zeug. "Herr Ober wenn ich schon zwischen Radau und einem Zug wählen soll, dann entscheide ich mich für die Grippe."

Aber nicht nur die Angestellten kriegen ihr Fett weg. Auch die Gäste werden vom Giftzwerg veräppelt. Und hier gesellt sich jetzt eines von zwei der größten Highlights des Films. Louis de Funes erklärt dem französischem Kommissar (Bernard Blier, spielt auch den Kommissar in Hasch mich ich bin der Mörder) und seinem deutschen Kollegen ein Rezept. Und zwar auf deutsch. Das kommt aber in der deutschen Sprachfassung gar nicht so rüber. Im Original hat er tatsächlich in dieser Szene deutsch gesprochen. Und während er das Rezept erzählt, ziehen von irgendwo her zwei Schatten auf. Der eine bedeckt de Funes Glatze und sieht aus wie eine Scheitelfrisur. Der andere Schatten platziert sich genau unter de Funes Nase als dünner Bart. Jetzt parodiert de Funes einen deutschen den ich hier nicht nennen will. Einfach nur köstlich.

Es glänzt nicht nur de Funes als Chef vom Dienst, sondern auch das ganze Ensemble, die das Personal spielen. Unfähigkeit hoch Zehn, von allen Darstellern perfekt vorgetragen. Der Klavierspieler, die Kellner, der Empfangsmensch. Perfekt, als ob alle nur für diese Rollen geboren wären. Und hier kommt jetzt das zweite Highlight des Films. Nachdem der Test mit dem verkleideten Septime zum Fiasko für das Personal wurde, setzt dieser ein Training an: Wie serviere ich richtig? Hier setzen sich nun alle Nebendarsteller die Krone für die beste Ensemblecomedy auf. Da will einer den anderen ausstechen. Jeder ist unfähig, überhaupt richtig zu servieren. Dann gibt es noch den Arschkriecher, der nur Lob von Septime will, aber stattdessen Repressalien von den anderen bekommt. Dann das Highlight im Highlight. Ein Tanz. Ja genau richtig gelesen. Es wird wieder getanzt. Wie bei "Die Abenteuer des Rabbi Jakob" oder "Alles tanzt nach meiner Pfeife". Der Titel passt ja jetzt zum Thema. Da Septime überhaupt nicht zufrieden ist, sollen alle Kellner mit ihm das Formationsservieren üben. Schnell entwickelt sich aber ein äußerst skurriles Schauspiel. Die Servierkannen werden von der einen zur anderen Hand geworfen. Mann dreht sich mit einem Bein im Kreise. Wie im Ballett versteht sich. Aber dann geht es los. Der Klavierspieler haut voll in die Tasten. Und es kommt zu einem Tanz, wo jeder macht, was er will. Aber da das Tastenspiel russisch angehaucht ist kommt da eine Art Kasatschok raus. Wenn hier wer nicht lachen kann, dann weiß ich auch nicht mehr. Natürlich muss dann der Tastenbolschewist (O-Ton Septime) sich vor dem Chef rechtfertigen und eine Aufgabe erledigen. "Hören Sie sich das an." Gespielt wird die Nationalhymne des Staatsgastes der zum essen kommt. "Aber das ist ja für ein ganzes Orchester!", "Na dann haben sie es ja noch einfacher, sie müssen es nur für drei umschreiben."

Ja, diesen Stil hätte man beibehalten sollen, stattdessen wurde in die Geschichte noch die Entführung des Staatsmannes eingebaut. Dazu wird Septime verdächtigt, damit was zu tun zu haben. Warum auch immer? Jetzt wird auch das Niveau der Gags kleiner. Zwar wird hier kein Fäkalhumor serviert, aber da man in der ersten Hälfte mit solchen Comedy-Leckerbissen verwöhnt wurde, sind diese im Vergleich dazu schlecht. Als Beispiel: Septime denkt in seinem Auto sitzt ein Gangster auf seiner Rückbank, da er eine Stimme hört, die ihm Kommandos gibt. Er ruft einen Polizisten zu sich, der am Straßenrand steht. Dieser soll unauffällig hinten rein schauen. Aber im Rückraum des Autos ist natürlich nichts. Jetzt denkt der Polizist, Septime sei verrückt. Natürlich ist das ganze dann ein Funkgerät, das hinten im Auto Septimes gelagert wurde.
Die Story des Films ist klein gehalten. Restaurantchef führt erfolgreiches Lokal in Paris, Staatsmann wird entführt, Restaurantchef macht sich auf Suche. Aber wie Louis de Funes diese eindimensionale Story ausfüllt ist schon einmalig. Wie immer lebt der Film von de Funes und seinem Ensemble, das in seinen Möglichkeiten klein gehalten wurde, aber trotzdem überzeugt. Ob die Kleinhaltung der Nebendarsteller Funes Ergebnis war bleibt ungeklärt.

Was den deutschen Titel angeht, weiß ich nicht was man sich dabei gedacht hat: "Scharfe Kurven für Madame". Welche Kurven von welcher Madame? Hier könnte man glatt denken, es handele sich um eine andere Art von Film. Aber auch die alternativ-Titel sind sehr komisch. "Oscar hat die Hosen voll". Was ist das denn für ein Titel? Wird zwar gerne für die TV-Ausstrahlungen verwendet, aber ist auch nicht angebracht. Welcher Oscar hat hier die Hosen voll? de Funes heißt hier Septime. Oscar wahrscheinlich im Bezug auf seinen Film Oscar. Komisch, komisch. Oder ein weiterer alternativ-Titel:"Louis der Spaghetti Koch". Der Mann heißt hier weder Louis noch kocht er hier einfache Spaghetti. Er ist Chef eines Feinschmeckerlokals. Oh wer denkt sich nur so was aus? Nur Ostdeutschland hatte den richtigen Titel, der sich am Originaltitel orientierte. Hier heißt der Film nämlich "Le Grande Restaurant" und unsere damaligen Nachbarn machten daraus "Das Große Restaurant". So ist es richtig. Bravo, bravo.

Fazit: Wenn man gerne lacht, sollte man sich den Film unbedingt ansehen. Bis zur Entführung gibt es Gag an Gag mit einem Ensembletanz als Höhepunkt. Hier lacht man Tränen. Wer will, kann ab der Entführung wegschalten. Denn hier gibt es nichts neues mehr zu entdecken. Wer weiterschaut, kriegt einen soliden Funes-Film geboten. Wer aber mit de Funes überhaupt nichts anfangen kann, solche Leute soll es ja auch geben, sollte von Anfang an die Finger von dem Film lassen.

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