Verfasst von André Gabriel am 09.03.06 16:04:48 - 0 Kommentare

An Deiner Schulter

The Upside of Anger

Land USA

Genre Drama

Laufzeit: 118

Jahr 2005

Webseite
Trailer

Kinostart: 07.07.2005
Moviereporter-Bewertung:
  • 4.5/6 Sterne.
Leserwertung (1): 3.0 / 6
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Inhalt

Eine Lebensgeschichte mit einem überraschenden Ende

Zusammen mit ihrem Ehemann und vier fast erwachsenen Töchtern (Erika Christensen, Evan Rachel Wood, Keri Russell und Alicia Witt) lebt Terry Wolfmeyer (Joan Allen) im imposanten Eigenheim in einer beschaulichen Vorstadtsiedlung. Ja, man könnte sie wohl als den Prototyp der glücklichen, amerikanischen Hausfrau bezeichnen. Doch als ihr Mann urplötzlich von einem Tag auf den anderen verschwindet, kennt Terrys Wut keine Grenzen. Schlimmer noch: sie muss den Töchtern erklären, dass der geliebte Vater mit seiner sehr viel jüngeren Sekretärin nach Schweden durchgebrannt ist und nicht mehr in den Schoß der Familie zurückkehren wird. Während die Töchter versuchen, selbst mit der neuen Situation zurecht zu kommen, müssen sie von nun an auch noch die unberechenbaren Launen der Mutter ertragen.
Auch Nachbar Denny (Kevin Costner), ein liebenswürdiger aber auch irgendwie hoffnungsloser Ex-Baseball-Star, hat schon bessere Zeiten erlebt. Noch zehrt er vom Ruhm vergangener Tage und schlägt sich bei einem kleinen privaten Radiosender als eine Art DJ durch, aber auch er hadert mit seinem Schicksal.

Als Denny zufällig im Hause der Wolfmeyers vorbeischaut, ahnt er noch nicht, in was für einen Schlamassel er da hinein tappt. Denn so sehr er und Terry sich eigentlich nicht ausstehen können, so sehr scheinen sie sich auch anzuziehen. Ein Unglück kommt eben selten allein, und wer rechnen kann, weiß längst: Minus mal Minus ergibt...

Kritik

Manchmal kennen die Menschen die Tatsachen nicht - so oder so ähnlich hat es die jüngste Tochter der Familie Wolfmeyer, mit Namen Popeye, gesagt.

Der Film hat mich gleich an die wunderbaren Filme von Regisseur und Drehbuchautor Cameron Crowe erinnert. Filme, deren Inhalte, scheinbar frei aus dem Leben gegeriffen, an die Last und die Lust des Lebens erinnern. Mit anderen Worten: authentisch müssen sie sein, so dass der Zuschauer sich identifizieren kann, ohne unbedingt exakt das, was da im Film gerade gezeigt wird, selbst erlebt zu haben. Aber es könnte so sein, um diese Art von Identifikation geht es. Ja, diese Story könnte tatsächlich irgendwo da draußen so oder so ähnlich geschehen sein.

Doch wenn ich An Deiner Schulter dann mit Crowe-Perlen wie Elizabethtown oder Jerry Maguire vergleiche, dann hinkt der Film von Mike Binder ein wenig hinterher. Und da ist es schade, dass der Hauptteil, vor allem die ersten zwei Drittel, von An Deiner Schulter nicht nur Längen hat, sondern teilweise regelrecht langweilig ist. Der Versuch, hier ebenso mitten in ein Leben von verschiedenen Personen zu greifen und jene Lebensabschnitte zu beleuchten, funktioniert nicht immer. Es sind unter anderem die Klischees, die stören; und genau da liegt natürlich auch die Schwierigkeit, wenn man einen solchen Film erfolgreich gestalten möchte: Authentizität ist wichtig, Klischees zerstören den Gesamteindruck aber häufig. Und so liegt es hier vor allem am Drehbuch, an guten Dialogen, ob man im Endeffekt sagt: ja, so ist oder so kann das Leben sein und zusätzlich habe ich auch noch einen Film gesehen, der mich überrascht, bewegt, der mir einfach gefallen hat; ohne mir etwas zu zeigen, was ich schon tausendfach gesehen habe. Auch wenn sich Binder, der neben Regie und Nebenrolle auch für das Script verantwortlich war, zum Teil zumindest Mühe gibt, dem Film eine Prise Neues zu verleihen - um dann am Ende so richtig aufzutrumpfen.

Mike Binder: Regisseur, Drehbuchautor und Darsteller - eine Rolle, die funktionieren kann, wie es uns beispielsweise erst kürzlich auch Zach Braff mit seinem Independent-Meisterwerk Garden State bewiesen hat. Auch hier gelingt diese Mehrfachfunktionalität in der Hinsicht, als dass er in seiner Rolle (Adam "Shep" Goodman) eine solide Figur als Schauspieler macht und sich selbst in eine Rolle manövriert hat, die letztlich irgendwo nur noch zu bemitleiden ist und eigentlich von fast allen Personen im Film, die mit ihm in Kontakt kommen, "gehasst" wird. An dieser Stelle ein großes Lob für diese "Leinwand-Selberverstümmelung", könnte man sagen.

Und der Cast an sich? Fangen wir bei dem "kleinen" Cast an, sprich bei den jüngeren Darstellern und Darstellerinnen, zu denen vor allem die Töchter gehören, die allesamt ordentlich spielen, von denen aber keine besonders herausragend auffällt. Allein diese mehrfach vorkommenden Szenen (mindestens zweimal), in denen sich die Töchter allein oder mitsamt der Mutter geradezu "tot lachen", wirken überaus gekünstelt und hauen darstellerisch nicht ganz hin.
Der Fokus liegt aber eh beim Hauptdarsteller. Da taucht endlich mal wieder ein Film mit Kevin Costner in der Hauptrolle auf und man muss sagen: gut gemacht Kevin. Er spielt seine Rolle als Ex-Baseballstar tatsächlich gut und filtert die verschiedenen Facetten des Charakters letztlich wunderbar heraus: diese Gleichgültigkeit zum Leben, dann diese milde Trauer, dass sein Leben diesen Weg genommen hat, die zaghafte, stille Hilfe in Form einer Schulter, an die sich Hauptdarstellerin Joan Allen anlehnen darf, wenn sie denn bereit dazu ist und im Laufe des Films auch immer mehr die Rolle des Ersatzvaters. Also ein überaus gelungenes "Comeback" von Kevin Costner.
Joan Allen - auch die weibliche Hauptrolle wurde gut besetzt. Dass man als Zuschauer vor allem in den ersten beiden Filmdritteln zeitweise richtig sauer wird auf die Figur Terry Wolfmeyer, dafür kann die Schauspielerin natürlich nichts und so sollte man sie auch nur anhand ihrer Leistung messen, selbstverständlich. Und auch sie hat ihre Arbeit sehr gut gemacht, versucht sie doch im Laufe des Films von dieser bohrenden Wut und tiefen Verletztheit los zu kommen, zu Beginn lediglich mit Hilfe des Alkohols, später dann aber mit Hilfe von Denny (Costner), den sie mehr und mehr als Teil ihres neuen Lebens akzeptiert. Interessant auch die Beziehung zu ihren Töchtern, die an vielen Stellen hakt, wünscht sie sich doch vor allem für drei ihrer Töchter ein anderes Leben, als die Kinder selbst es sich wünschen. Die eine möchte tanzen, ihre Mutter ist dagegen, die andere möchte nicht aufs College, die Mutter will es aber so, die dritte Tochter heiratet, die Mutter ist erst einmal dagegen. Klingt erneut nach diesen typischen Handlungssträngen, ist aber letztlich nur auf die Wut zurückzuführen, die den Charakter der Mutter nach dem Fortgang des Vaters und Ehemanns ausmacht. Dennoch hat man das Gefühl, dass im Endeffekt noch etwas fehlt und man gern noch ein wenig mehr über diese Mutter-Tochter-Beziehungen erfahren hätte.

An dieser Stelle auch das größte Manko des Films. Es fehlen diese besonderen Momente, die dann beispielsweise die Filme von Cameron Crowe ausmachen. Diese zutiefst bewegenden Momente, denn es ist nunmal ein Film und ein Film kann nicht nur eine gute Aussage haben, er muss diese Aussage auch im Hauptteil gut auf den Zuschauer übertragen. An Deiner Schulter fehlen jene Momente leider und wenn dann sind es nur Szenen, die diesen Effekt gern erzielen wollen, es aber nicht ganz ausreizen.
Dann aber das Ende. Und ich muss sagen, allein dieses Ende hat den Film bezüglich der letztendlichen Bewertung nochmal sowas von in die Höhe gehoben. Man liegt oder sitzt wirklich da und denkt: nein, das kann jetzt nicht wahr sein und allein für diesen Effekt danke ich Mike Binder ebenso sehr, wie ich M. Night Shyamalan für sein grandioses Finale in The Sixth Sense oder Alejandro Amenábar für seine Idee im Film The Others danke. Denn so etwas möchte man als leidenschaftlicher Filmegucker erleben, dieses wunderbare Gefühl der Überraschung am Ende, wenn alles plötzlich ganz anders erscheint oder etliche Fragezeichen mit einem Mal zu einem riesigen Ausrufezeichen mutieren.
Und schon hat der Film auch eine gelungene Aussage und damit einen Sinn erhalten, nach dem man zuvor noch so akribik gesucht hat.

Fazit: eigentlich habe ich das Fazit schon im vorangegangenen Satz gezogen. Der Schluss verleiht dem Film einen Sinn, was auch unbedingt wichtig war, denn ohne dieses Ende hätte An Deiner Schulter nahezu sinnlos dagestanden, was die Höchststrafe für einen Film bedeutet; wenn man sich nach dem Film fragt: und wieso wurde der jetzt überhaupt gedreht? An Deiner Schulter rettet sich vor dieser Frage und steht am Ende mit einem Mal ganz anders da, als man erwartet hätte: nämlich als ein doch gelungenes Drama, das zumindest an die grandiosen Lebensgeschichten von Filmemacher Cameron Crowe erinnert, wenn er diese Klasse auch nicht ganz erreicht.  

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