Verfasst von Martina Herbertz am 19.03.06 20:40:14 - 0 Kommentare

Elementarteilchen

Moviereporter-Bewertung:
  • 4.0/6 Sterne.
Leserwertung (4): 4.75 / 6

Land Deutschland

Genre Drama

Laufzeit: 105

Jahr 2006

Webseite

Kinostart: 23.02.2006
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Inhalt

Nach Houellebecqs Milieustudie über eine beziehungsunfähige Gesellschaft

Die Geschichte handelt von einem ungleichen (Halb-)Brüderpaar und ihre je eigene Art und Weise, wie sie mit dem Einfluss der praktisch nicht vorhandenen Mutter umgehen. Jane (Nina Hoss) ist durch und durch Hippie und lebt ihre Überzeugungen bis zum Schluss. Sie setzt zwar zwei Kinder in die Welt, überlässt sie - und damit die Verantwortung - dann jedoch der jeweiligen Großmutter. Michael Djerzinski (Christian Ulmen) wächst behütet auf und wirkt wie ein kränkelnder Nerd, dem nichts lieber sind als seine Bücher und Mathehefte. Auch die liebliche Nachbarin Annabelle (Franka Potente) kann daran nichts ändern. Bruno Klement (Moritz Bleibtreu) landet dagegen im Internat und wird in den Sommerferien von seiner Mutter abgeholt und in eine „Community“ entführt, in der er sich wie ein Außerirdischer fühlt. Nur das mit der freien Liebe könnte interessant werden.
Eines Tages kommt die Mutter zum Entschluss, dass sich die beiden kennen lernen sollten. So stehen beide Jungs völlig perplex in Michaels Zimmer und finden doch schnell ein gemeinsames Interesse: Das Buch „Schöne neue Welt“. Später wird Bruno Deutschlehrer und Michael ist so fasziniert von der laborkontrollierten Reproduktion, dass er auf diesem Gebiet Wissenschaftler wird.
Als Erwachsene kämpfen die beiden mit ihren Problemen: Bruno muss jedem Rock zwanghaft nachjagen und stürzt dann tief, als seine Frau ihn verlässt. Michael teilt seine Wohnung mit seinem Wellensittich und den Büchern, das war’s dann auch schon. Für beide ändert sich einiges als eine Frau in ihr Leben tritt. Christiane (Martina Gedeck) stellt mit ihrer fordernden Art und einer sexuellen Freizügigkeit, die Brunos eigener ebenbürtig ist, seine Welt auf den Kopf. Michael trifft nach Jahren durch einen Zufall wieder auf Annabelle, die mittlerweile kein Mädchen mehr ist, sondern zu einer Frau wurde, die Michael jetzt plötzlich anders wahrnimmt. Aber weil es sich hier um ein Werk von Houellebecq handelt, ahnen wir schon, dass es kein klassisches Happy-End geben wird.

Kritik

Da steht man an der Kinokasse und fragt sich: Riskier ich es, oder lass ich es doch lieber sein? Michel Houellebecq ist ja nicht gerade für seine erbaulichen Werke bekannt. Aber die Star-Riege, die da auf dem Filmposter angekündigt wird, hört sich für einen Freund des deutschen Programm-Kino wie ein Pflichtaufruf an. Und tatsächlich: Wer sich schon vorher mental auf Kopf-Kino und Houellebecq eingestellt hat, wird nicht enttäuscht. Houellebecq-Fans hingegen schon. Das Ende des Romans lässt das Ende von <a href="http://www.moviereporter.net/kritiken/472/brokeback_mountain.html">Brokeback Mountain</a> noch rosig erscheinen; hier hat Houellebecq etwas mit Shakespeare gemeinsam. Bei ihren Tragödien gibt es für die Protagonisten ohnehin nur zwei mögliche Enden: Tod oder todunglücklich. Es sei jetzt schon so viel verraten, das dicke Ende der Romanvorlage bleibt uns im Film erspart. Wenigstens etwas.
Ansonsten wird der Zuschauer nicht verschont. Die Darstellung der beiden verschiedenen Welten ist bewusst in Extremen gehalten. Regisseur und Drehbuchautor Oskar Roehler (Agnes und seine Brüder, Der alte Affe Angst) verlässt sein gewohntes Terrain offensichtlich nicht freiwillig und zeigt auch dieses Mal gerne sein Lieblingsthema Sexualität sehr offen bis nüchtern. Darunter befinden sich auch Szenen in einem Swinger-Club, die ich persönlich nicht in einem FSK12-Film erwartet hätte. Roehler rettet sich dann immer noch in letzter Sekunde, wenn er darauf wieder in Michaels Ikea-Idylle zurückkehrt. Das Interessante bei diesem Film ist die Entwicklung der beiden Hauptfiguren: Der eine wandelt sich vom notorischen Schürzenjäger zum verkappten Romantiker, der sich eingestehen muss, doch an die eine wahre Liebe zu glauben. Der andere kann anfangs seinen toten Vogel völlig emotionslos in den Mülleimer werfen und findet aber erst dann den inneren Frieden, als er in seinem Leben Gefühle zulässt.

Die beiden Hauptdarsteller Bleibtreu und Ulmen sind hervorragend besetzt und transportieren diese Entwicklung sehr gut zum Publikum. Bleibtreu nimmt man seine Rolle sofort ab und auch seine Auszeichnung auf der Berlinale ist verdient. Bei keinem anderen deutschen Schauspieler hätte ich lachen können, wenn er seiner Mutter auf dem Sterbebett noch derartige Dinge an den Kopf wirft. Dem Impulsiven als introvertierten Gegenpart, Ulmen an die Seite zu stellen, war eine ungewöhnliche aber richtige Entscheidung. Vom arroganten MTV-Moderator blieb nichts mehr übrig, auch wenn es diese süffisante Arroganz war, die Ulmen seine erste große Rolle als „Herr Lehmann“ einbrachte.

Bei den Nebendarstellern hat man schnell das Gefühl, jeder deutsche Star wollte mitmachen. Und so konnten auch die kleinen Parts hochkarätig besetzt werden. Allen voran Franka Potente als graue Maus Annabelle, die bei einem Tête-à-tête mit Michael plötzlich ganz andere Seiten aufzieht. Fast schon melodramatisch ist Uwe Ochsenknecht als Brunos heruntergekommener Vater, der es fertig bringt, bei der ersten Begegnung mit seinem Sohn seit Jahren, diesen um Geld zu bitten. Corinna Harfouch verkörpert Brunos distanzierte Psychiaterin, die aber irgendwann auch die Geduld verliert, als Bruno mit seinen Masturbationsgeschichten anfängt. Tom Schilling spielt den jungen Michael überzeugend als den schwächlichen Bücherwurm, wie schon zuvor in Napola. Er sollte bei seiner künftigen Rollenwahl aufpassen, nicht dass man ihn bald als das Leiden Christi bucht. Nina Hoss haucht der unterirdisch schlechten Mutter Jane Leben ein. Hoss macht aus ihr die überdrehte Hippie-Tante, die allen ernstes Glaubt, mit einer Friedenspfeife sei die Welt wieder in Ordnung.

Und genauso ist es auch von der Vorlage gewollt. Sowohl Roehler als auch Ideengeber Houellebecq halten offensichtlich nicht viel von den 68ern. Die Seitenhiebe sind kaum zu übersehen. Der Film bedient sich immer wieder des schwarzen Humors und des Zynismus, um Houellebecqs Atmosphäre auf die Leinwand zu bringen.
Literaturverfilmungen haben immer zwei große Hürden: 1. Wie bringe ich die ganze Handlung in ca. 120 Minuten Film unter? Und 2. Wie werde ich den Fans des Buchs als auch den Kinogängern gerecht? Roehler kann sich diesen Problemen nicht entziehen. Er bemüht sich zunächst, wirklich alles wiederzugeben. Dadurch kommt erst kein Schwung in den Film. Dann merkt man, dass der Stil etwas anders wird und an dem Punkt setzt Roehlers eigene Interpretation ein. Stellenweise wirkt der Film wie Kaugummi, auch wenn im Nachhinein klar wird, dass jede Szene notwendig war. Mit dem alternativen Ende hat er dem Kinovolk auf jeden Fall zwar etwas Tragisches präsentiert aber noch lange nicht etwas so Deprimierendes wie Houellebecq seinen Lesern.

Fazit: Ein Film mit lauten und leisen Tönen. Für all jene, die Sitzfleisch mitbringen, ein lohnender Film, jedoch sollte man als Houellebecq-Fan hier Optimist sein können.

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