Glaubensfrage (2008)
DoubtHandlung
Es gibt keine einfach Wahrheit
1964, St. Nicholas in der Bronx. Die strengen Sitten der Schule werden grimmig von Schwester Aloysius Beauvier (Meryl Streep) gehütet. Und eben diese will der lebensbejahende, charismatische Priester Pater Flynn (Philip Seymour Hoffman) auf den Kopf stellen. Der Wind des politischen Wandelns weht durch die Gemeinde und die Schule nimmt sogar ihren ersten schwarzen Schüler auf, Donald Miller (Joseph Foster). Aber dann berichtet die hoffnungsvoll-naive Schwester James (Amy Adams) ihrer mit eiserner Faust herrschenden Direktorin, dass Pater Flynn dem kleinen Donald zu viel private Aufmerksamkeit widmet. Schwester Alyosius startet sofort einen Kreuzzug gegen Pater Flynn. Sie will die Wahrheit herausfinden und ihn von der Schule vertreiben. Ohne jeglichen Beweis und nur mit ihrer moralischen Sicherheit bewappnet, verstrickt sie sich mit Pater Flynn in einen Glaubenskampf, der Institutionen von Kirche und Schule zu zerreißen droht – mit verheerenden Konsequenzen.
Besetzung / Stab
Regie
Kritik
Das Wort "Zweifel" inspirierte Autor und Regisseur John Patrick Shanley zu dem meistgefeierten Stück des letzten Jahrzehnts und das dazu führte, dass er die Geschichte für ein Drehbuch adaptierte. Der Oscarpreisträger ("Mondsüchtig", 1988) verpflanzte die Zweifel in eine bedeutungsschwere und scheinbar unlösbare Situation: ein Pfarrer wird beschuldigt, ein Mitglied seiner Gemeinde missbraucht zu haben. Eben eine solche Situation, die Menschen schnell polarisiert. In der Menschen ohne zu zögern andere brandmarken und verdammen würden.
Die Geschichte siedelt er an der katholisch konventionellen St. Nicholas Schule der Barmherzigen Schwestern in der Bronx in der spannungsreichen Atmosphäre des Jahres 1964 an. Es ist die Zeit unmittelbar nach dem Kennedy-Attentat und des Wendepunktes der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre. Die sozialen Hierarchien und das Establishment, sowie das Militär und die organisierte Religion wurden in Frage gestellt. Das 1962 von Papst Johannes XXIII einberufene zweite Vatikanische Konzil leitete eine Reihe von bedeutenden Reformen ein, die die Kirche moderner und somit offener und zugänglicher für die wandelnde Gesellschaft machen sollte. All diese Veränderungen und Modernisierungen werden in Pater Flynn, verkörpert durch Oscarpreisträger Philip Seymour Hoffman, personifiziert. Er stellt einerseits die bestehenden Institutionen in Frage, während er andererseits noch in diesem System arbeitet.
Pater Flynn geht eine ungewöhnlich enge private Beziehung mit dem einzigen schwarzen Kind der Schule ein. Dieses wird natürlich beobachtet und schnell durch Schwester James, gespielt von Amy Adams, an die oberste Schwester Aloysius Beauvier, gemimt durch Meryl Streep, herangetragen. Welch ein Skandal? Aber ist es denn überhaupt einer? Als ihre absolute Pflicht empfindet die angstvoll, absolutistische Schwester Aloysius, ihre Schüler zu schützen. Nicht nur die Beziehung zu dem kleinen Farbigen sondern auch die Modernität des Pater Flynns ist ihr schon seit längerem ein Dorn im Auge. Also beschließt sie einen Kreuzzug gegen ihn zu führen. Ihre dogmatische Suche nach der Wahrheit lässt sie die verheerenden Folgen ihres Gerechtigkeitswahns in ihrer moralischen Überzeugung noch nicht einmal erahnen.
Von nun an versucht der Zuschauer sich mit den Zügen des Pater Flynns oder mit denen der Schwester Aloysius zu identifizieren. Die idealistische junge Lehrerin James nimmt von nun an den Platz des Publikums ein, da sie nicht genau weiß, ob ihre Beobachtungen auch wirklich einen festen Hintergrund haben. Sie fühlt sich hin und hergerissen und lebt seitdem mit den Schuldgefühlen, da sie sich für die folgenden Ereignisse verantwortlich fühlt. Die Kluft zwischen der Macht der Priester, die die Autorität in Kirchenangelegenheiten haben und der Macht der Nonnen, die ihren Einfluss auf komplizierte und subtilere Weise auszuüben versuchen, erweckt einen Machtkampf, der Fakten und Wahrheiten, die das Publikum zunächst für eindeutig hält, enthüllt, bis es feststellen muss, dass es die losen Enden selbst zusammenfügen muss. Ein Streit zwischen zwei scharfsinnigen und wortgewandten Menschen entfacht, die sich nicht davor fürchten ihre Worte als Waffen einzusetzen. Der Zuschauer wird der klassischen Krimi-Frage gegenüber gestellt: "Hat er es getan oder nicht?" Man sieht die Geschichte durch das Prisma seiner eigenen Vorurteile und Erfahrung sowie seiner emotionalen Beziehung zu Institutionen und bildet sich so sein eigenes Urteil.
Der entscheidende Moment der Geschichte ist jener, in der Schwester Aloysius schließlich zugibt, dass sie zum ersten Mal selbst Zweifel hat an der Schuld des Priesters. Ihre Selbstsicherheit ist durch ihr wachsendes Mitleid, ihr Einfühlungsvermögen in die Nöte von Donald Miller, seiner Mutter, der andern Schüler und von Schwester James ausgehöhlt worden. Diese Erkenntnis muss das Publikum selbst in Einklang bringen mit dem, was es im Laufe der Geschichte geglaubt und gefühlt hat. Man sieht sich mit seinen innersten Überzeugungen konfrontiert und ringt mit seinen eigenen Urteilen und Überzeugungen. Man bemerkt, dass man nie etwas sicher wissen kann, dass der Zweifel unbegrenzt ist.
Fazit:
Der Film handelt von einer ungewöhnlichen zwischenmenschlichen Beziehung, die aufgrund von Vorurteilen gar nicht existieren dürfte. Die Leute in unserer Gesellschaft sind sich vieler Dinge sicher und die meisten haben nicht den Mut ihr Unwissen preiszugeben. Man hält an bestehenden Meinungen fest. John Patrick Shanleys "Doubt" präsentiert uns nie eine eindeutige Schlussfolgerung – der Zuschauer denkt und fühlt und bekommt nicht zu sehen, was er fühlen und denken soll. In der heutigen Zeit ein ungewöhnliches Unterfangen. Widersprüchliche, paradoxe und geheimnisvolle Menschen lassen einem sein eigenes Urteilungsvermögen hinterfragen. Nahezu perfekt die schauspielerischen Leistungen von Meryl Streep und Philip Seymour Hoffman.

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