Verfasst von Monika Gensinger am 05.09.08 00:21:00 - 0 Kommentare

Wiedersehen mit Brideshead

Brideshead Revisited

Moviereporter-Bewertung:
  • 4.0/6 Sterne.
Leserwertung (12): 3.0 / 6

Land Großbritannien

Genre Drama

Laufzeit: 133

Jahr 2008

Webseite
Trailer

Kinostart: 20.11.2008
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  • Wiedersehen mit Brideshead (Brideshead Revisited)
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Inhalt

"Wiedersehen mit Brideshead"  kommt nun zum ersten Mal als kongeniale Umsetzung für die große Leinwand ins Kino.

"Wiedersehen mit Brideshead" ist eine ergreifende Geschichte über verbotene Liebe und den Verlust der Unschuld. Sie spielt in England zwischen den Weltkriegen, einer Zeit, in der der englische Adel viele seiner Privilegien verlor. Beim Studium in Oxford freundet sich Charles Ryder (Matthew Goode) mit dem lasziven und exzentrischen Sebastian Flyte (Ben Whishaw) an, Sohn von Lord und Lady Marchmain (Michael Gambon, Emma Thompson). Charles ist der glamourösen Welt seines neuen Freundes schnell verfallen, die beiden sind bald unzertrennlich. Charles ist überglücklich, als er nach Brideshead eingeladen wird, in das prächtige Familienschloss der Marchmains. Betört von dieser Umgebung und bezaubert von ihrer Schönheit, verliebt Charles sich in Sebastians Schwester Julia (Hayley Atwell). Die Beziehung zu Sebastian geät in Gefahr, und je mehr seine emotionale Bindung zu den Marchmain-Geschwistern wächst, desto mehr gerät Charles in Konflikt mit dem, was die Familie im Innersten zusammenhält und von der Mutter (Emma Thompson) streng überwacht wird: ein tiefer und unerbittlicher katholischer Glaube.

Kritik

Als der englische Schriftsteller Evelyn Waugh im Jahre 1944 seinen Roman "Wiedersehen mit Brideshead" veröffentlichte, löste er damit ein zweispältiges Echo aus. Zweifellos war das stark autobiographisch gefärbte Epos über den Zerfall einer katholischen Adelsfamilie im England zwischen den Weltkriegen ein literarischer Geniestreich und ein Faszinosum der glanzvollen Welt der englischen Aristokratie. Aber die Andeutungen homoerotischer Gefühle und die dargestellte Religionsproblematik sorgten doch für einige indignierte, laut hörbare Buhs. Die zweispältige Aufnahme seines Werks ist vom Dichter gewollt (Unterzeile des Romantitels: "Die heiligen und profanen Erinnerungen des Hauptmanns Charles Ryder") - und wirkt bis heute nach. Wer beim Abspann des Films "Wiedersehen mit Brideshead" (Premiere beim diesjährigen Locarno-Filmfestival) des englischen Regisseurs Julian Jarrold ("Geliebte Jane") in seinem Kinosessel verharrt und das Gesehene beim genüßlichen Verspeisen der letzten Popcorns noch einmal Revue passieren läßt, kann leicht in einen Widerstreit der Gefühle geraten: Auf der einen Seite die Faszination der schönen Bilder, des Glanz und Glamours einer privilegierten englischen Lebensform auf einem Zauberschloß, auf der anderen Seite Befremden über den Psychohorror und religiösen Despotismus, der hinter der schönen Fassade herrscht.

Es könnte jedoch auch gut sein, daß der eine oder andere Zuschauer gar nicht erst den Filmabspann abwartet, seine Popcorntüte achtlos liegenläßt, in seinen Alltag entschwindet, und keinen Gedanken mehr an das Gesehene verschwendet, weil nichts davon ihn wirklich gefühlsmäßig berührt hat. Oberflächlich, in Klischees erstarrt, Figuren eindimensional, schlampiger Umgang mit der Romanvorlage - solche Kritik mußte der Regisseur bereits einstecken. Aber dies ist wohl Standardkritik bei Verfilmungen von Literatur, die ja naturgemäß viel komplexer ist.

Ich finde: Dieses Drama um Schuld und Sühne, um unerwiderte Liebe, um menschenfeindliche Konventionen, um überkommene religiöse Zwänge ist durchaus berührend und bewegend. Jarrold hat ein schön - schauriges Gemälde der englischen upper (und dunter) class gezeichnet, mit all den skurilen, exzentrischen Typen, die anscheinend in dieser Häufigkeit nur auf der Insel vorkommen. Und wer könnte diesen Typen besser Gesicht und Stimme verleihen als englische Schauspieler? Der Cast ist rein britisch, bewußt, und wird angeführt und dominiert von Emma Thompson, der Grande Dame der englischen Film - Aristokratie, die, wie auch Jarrold durch seine imaginäre Jane Austen Filmbiographie "Geliebte Jane", durch ihre Mitwirkung in englischen Gesellschaftsdramen wie "Howards End", "Was vom Tage übrigblieb" oder ihrem oscarprämierten adaptierten Drehbuch von "Sinn und Sinnlichkeit" bestens mit dem Thema vertraut ist.

In "Wiedersehen mit Brideshead" gibt Thompson als Lady Marchmain die Über-Mutter, eine Art Mutter Courage im Namen eines strafenden Gottes, die ihre ganze Familie durch ihren fanatischen Katholizismus indoktriniert, auch über ihren Tod hinaus. Ergo: Das wunderbare Familienschloß beherbergt lauter Unglückliche, die ihrer Vergangenheit nicht entgehen können, auch wenn sie nach Venedig flüchten oder nach Marokko.  Dreh - und Angelpunkt des Films, der in Rückblenden und Reflexionen attraktiv konstruiert ist, sind Liebesgeschichten: Eine verbotene Liebe, eine sündige und eine unerfüllte.  Im England der späten 1920er Jahre verliebt sich beim Studium in Oxford der ziemlich exzentrische und labile Adelssproß Sebastian Flyte (Ben Whishaw) in den ziemlich stabilen und eher pragmatischen Mittelklasse-Abkömmling Charles Ryder. Dieser wiederum liebt dessen Schwester Julia (Hayley Atwell). Aber eigentlich liebt Charles, der ehrgeizige Aufsteiger, insgeheim: Den Reichtum und den Glamour einer privilegierten Welt, er liebt die Schönheit und Eleganz von Schloß Brideshead, in das er als Familienfreund von Lady Marchmain eingeladen wird.

Als Zuschauer läßt man sich gern von Charles alias Matthew Goode in diese schön fotografierte Zauberwelt entführen und ist animiert, dieser Welt in der Realität nachzuspüren: Denn das Original heißt Castle Howard in Yorkshire und der Honorable Simon Howard ist delighted, seine Besucher den Set von Brideshead zu zeigen.
Die homoerotische Beziehung zu Sebastian endet abrupt, als Charles seine Liebe zu Julia entdeckt. Aber diese Liebe wird von der übermächtigen Lady Marchmain auf dem Altar des unerbittlichen katholischen Glaubens geopfert - Charles ist als Agnostiker und Nicht - Adliger indiskutabel.  Auch nach Jahren können sich die Marchmains nicht aus dem strengen Korsett ihres Glaubens lösen: Als Charles, inzwischen ein berühmter Maler, und Julia, beide in unglücklichen Ehen gefangen, wieder zueinander finden, bleibt auch diese späte Liebe unerfüllt. Sogar Lord Marchmain (Michael Gambon), der mit seiner Geliebten Cara (Greta Scacchi) in Venedig in Sünde lebte, kehrt zum Sterben auf sein Schloß Brideshead zurück - und damit in den Schoß der strenggläubigen Familie, wie auch seine Tochter Julia. Einzig Sebastian bleibt fern; er lebt, alkoholkrank und desillusioniert, in einem Sanatorium in Marrakesch.

Evelyn Waugh nannte seinen Roman, der auf der Time Liste der 100 besten Romane des Zwanzigsten Jahrhunderts verzeichnet ist, „eine grimme kleine Menschentragödie." Rechtzeitig zum Filmstart wird das Buch (Originaltitel:Brideshead revisited) auch auf deutsch erscheinen.

Jarrold´s Film beleuchtet die menschliche Tragödie um die arme, reiche Familie Marchmain mit mehr oder weniger Tiefe. Aber sind Tragödien nicht ungleich attraktiver, wenn sie in gepflegtem Ambiente spielen? Dem Reiz des Schönen und der Oberflächlichkeit darf der Zuschauer gern erliegen, während er seine letzten Popcorn - Krümel zusammenklaubt und in den grauen Alltag entschwindet...


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