Underdogs
Inhalt
Der neue Film von Jan Hinrik Drevs.Er ist introvertiert, hat einen beeindruckenden Brustkorb, und fragt nicht zweimal nach, bevor er zuschlägt: Häftling Mosk (Thomas Sarbacher) trainiert verbissen für die gefängnisinternen Meisterschaften im Gewichtheben. Dass die neue Gefängnisdirektorin (Clelia Sartos) ein Programm etablieren möchte, bei dem ausgewählte Häftlinge kleine Hundewelpen zu Blindenhunden ausbilden, ist ihm schnurz. Dennoch bewohnt plötzlich ein niedliches Hundebaby seine Zelle, und er muss sein Bestes tun, um der piepsenden und pinkelnden Welpe die nötigen Befehle beizubringen. Mosks Strenge und Ablehung dem Hündchen gegenüber lassen das Ausbildungsziel in weite Ferne rücken. Zudem zieht Mosk den Zorn der Mitinsassen auf sich, die das ganze Projekt durch seine Verweigerungshaltung gefährdet wissen, und den Vierbeinern ihrerseits voller Elan und Schmuseeinheiten "Sitz", "Platz" und "Bleib" einbleuen. Aber die größte Prüfung steht allen harten Kerlen noch bevor: nämlich das Weggeben des dann doch treuesten Freundes nach erfolgreicher Ausbildung...
Kritik
Das Wunder hat keinen Namen (zunächst). Es ist klein, ziemlich tapsig und nicht ganz stubenrein. Aber es macht aus einer gefühllosen und agressiven Knast-Maschine wieder einen Menschen. Schlicht: "Hund" heißt das kleine Wesen, ein Labrador-Welpe, dem es gelingt, die rauhe Schale des gewalttätigen Knacki Mosk (Thomas Sarbacher) zu knacken, einem menschenverachtenden Einzelgänger, der sich bisher allein durch körperliche Stärke Respekt bei seinen Mithäftlingen verschafft hat.Gefühle zeigen? Das bedeutet im Gefängnis: Schwäche, gefährliche Schwäche. Aber daß es auch Stärke, mentale Reife und sogar ein Quantum Glück bedeuten kann, davon handelt der Film "Underdogs" des deutschen Regisseurs Jan Hinrik Drevs. Der renommierte Dokumentarfilmer debütiert hier mit seinem ersten Spielfilm.
"Wie kann ein Tier einen Menschen verändern, ihn erst zum Menschen werden lassen? Darum geht es in unserem Film", sagt Drevs.
Wie also kommt ein Häftling auf den Hund? Die Antwort liegt in der bisherigen journalistischen Arbeit des Regisseurs. Innerhalb des ARD-Dreiteilers "Dogsworld" berichtete Drevs über ein außergewöhnliches Resozialisierungsprogramm in einem Gefängnis in New York: "Puppies behind bars", "Welpen hinter Gittern" - Schwerverbrecher bilden dabei in ihren Zellen im Hochsicherheitstrakt Blindenführhunde aus. Ein seit Jahren erprobtes und erfolgreiches Programm, das den Tierfreund und Hundehalter Drevs faszinierte und ihn zu seinem Drehbuch für "Underdogs" inspirierte: Denn im gleiches Maße, wie die Erziehung der Welpen zu verantwortungsvollen Menschenbegleitern fortschritt, wuchs auch - oder entfaltete sich wieder - die emotionale Stärke der Inhaftierten. Die Gründerin des aufsehenerregenden US-Projekts, Gloria Gilbert Stoga, benennt die positiven Aspekte: "Die Gefangenen lernen in der Arbeit mit dem Hund wieder Geduld zu haben und Verantwortung zu tragen;sie lernen wieder, was es heißt,unbedingte Liebe zu geben und zu erhalten, und last not least erlernen sie wieder die Fähigkeit im Team zu arbeiten."
An solchen "Gefühlsduseleien" ist Mosk (Thomas Sarbacher, "Die Welle") überhaupt nicht interessiert; der Muskelmann ist einzig und allein daran interessiert, die gefängnisinteren Meisterschaften im Gewichtheben zu gewinnen. Damit klar ist, wer der Boß ist. Was soll so einer, der sich sogar von der Umwelt durch Gebrauch von Ohrstöpseln abschließt, mit einem Hund? Ein junger Hund, ungezogen,unerzogen,in seiner Zelle? Nein,und nochmals nein, sagt Mosk, aber da ein Häftling nicht viele Möglichkeiten der Verweigerung hat, wird das neue,ehrgeizige Projekt der jungen Gefängnisdirektorin (Clelia Sarto) durchgesetzt: Eine Gruppe ausgewählter Gefangener bildet unter der Leitung eines Hundetrainers (beeindruckend: Hark Bohm) Labradors zu Blindenhunden aus. Auch Mosk. Basta.
Da sitzt also ein Mensch, der es längst verlernt hat, wie ein Mensch zu fühlen, mit so einem kleinen, liebesbedürftigen Wesen auf engem Raum. Und wie zu befürchten war, fliegen erstmal die Fetzen, bevor sich die Herzen entgegenfliegen. Und am Ende wird aus dem Namen "Hund", der zärtlich-ironische Name "Grappa"... Aber das Ende ist kein Happy End, denn die Gefangenen müssen die ausgebildeten Hunde natürlich ihrer Bestimmung zuführen; nämlich einem blinden Menschen, zu dessen Führung sie erzogen wurden. Daß dieser Schritt für einen Menschen wie Mosk, der zum ersten Male seit langer Zeit wieder eine emotionale Bindung aufgebaut hat, überhaupt verkraft-und einsehbar ist, zeugt von einer Gefühlsstabilität, die weder Mosk noch die anderen aus der Hundehalter-Gruppe für möglich gehalten hätten. Und dieses Wunder hat ein tapsiges, großäugiges Wesen vollbracht, das am Ende natürlich auch stubenrein geworden ist...
In ruhigem Erzählstil wird in diesem auf Wahrheit basierenden Film (auch für Mosk gab es ein reales Vorbild) das langsame Zusammenwachsen von Mensch und Hund geschildert - unter sozusagen härtesten Bedingungen. Eine subtile Kamera (verantwortlich: Peter Przybylski) fängt die beklemmende Gefängnisatmosphäre ein, in der Menschen mithilfe eines kleinen Hundes innere und äußere Mauern überwinden.
Sehr leicht hätte diese Geschichte unterdrückter und wieder freigewordener Gefühle einen Autor/Regisseur zu sentimentaler Schwarz-Weiß Malerei verführen können...etwa nach dem Motto "Aus Knacki wird Gutmensch" oder"alle Knackis haben sich wieder lieb". Aber Drevs hat solchen Banalitäten (größtenteils) entsagt - die leise angedeutete Liebesgeschichte zwischen Mosk und der Gefängnisdirektorin mag als kleine, verkraftbare Reminiszenz an ein Feel-Good Movie durchgehen...
Einem sentimentalen Abgleiten steht auch die Darstellung des Mosk durch den in Deutschland viel zu wenig bekannten Schauspieler Thomas Sarbacher (Kritikerlob für TV-Kommissar in "Der Elefant - Mord verjährt nie") entgegen.Der in Hamburg geborene Theater - und Filmschauspieler mit Wohnsitz in Zürich bietet eine durchweg stimmige Darstellung eines typischen Knackis; ein harter Hund, der auch in seiner Weichheit gegenüber einem kleinen Hund seine spröde Härte und Grobheit nicht verleugnet.
Fazit: Eine detailgetreue Milieustudie (der Dokumentarist Drevs läßt grüßen) mit überraschenden Einblicken in den Gefängnisalltag und ein feingezeichnetes Psychogramm von Mensch und Hund. Ein kleiner, meisterlicher Film, der nie moralisiert, sondern in rührenden, eindringlichen Bildern an einem Ort, der alles andere als wunderbar ist, das Wunder der Tierliebe schildert. Aber: "Das letzte Wort über die Wunder des Hundes ist noch nicht geschrieben", so der Dichter Jack London. Wir warten gespannt auf weitere, wunderbare Hunde - Geschichten...
Jetzt kommentieren? / 1 Kommentare
Regisseur
Schauspieler
Thomas Sarbacher, Clelia Sarto, Hark Bohm, Ingo Naujoks, Kida Ramadan, Thorsten Merten, Wladimir Tarasjanz, Philipp Baltus, Patrycia Ziolkowska, Peter Jordan, Christoph Grunert, Henning Schimke, Karsten Kretschmer, Luca Maric, Marc Zwinz



Kleeblatt / 25.07.2008 21:21:48
Ich kann es gar nicht erwarten diesen Film zu sehen.
Bin selbst Labradorbesitzer und hätte gerne gewußt wann er in die österreichischen Kinos kommt
lg Kleeblatt
nicht bewertet