Verfasst von Monika Gensinger am 07.04.08 14:23:00 - 0 Kommentare

Ben X

Land Belgien

Genre Drama

Laufzeit: 97

Jahr 2007

Webseite
Trailer

Kinostart: 08.05.2008
Moviereporter-Bewertung:
  • 4.0/6 Sterne.
Leserwertung (4): 5.25 / 6
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Inhalt

Rasant inszeniertes Drama um einen Außenseiter mit einer furiosen Mischung aus Online-Game und Realfilm.

Ben (Greg Timmermans) ist anders. Er lebt in seiner eigenen Welt, in der er in seinem liebsten Onlinespiel "Archlord" Heldentaten besteht. Er spielt es, wann immer er kann und versucht, für die Widrigkeiten des wahren Lebens zu trainieren. Mit seiner Internetgefährtin Scarlite (Laura Verlinden) meistert er alle Herausforderungen und Gefahren, die ihn in der realen Welt überfordern. Der harte Alltag in der Schule ist für den verschlossenen Außenseiter eine tägliche Höllenqual. Immer wieder wird er von seinen Mitschülern gemobbt und tyrannisiert. Ben fasst einen Plan: Er will mit allem Schluss machen. Game Over. Da tritt das Mädchen aus dem Onlinespiel in sein Leben...

Kritik

Ben (Greg Timmermans) ist ein Wanderer zwischen den Welten. Sein aufregendes Leben in der Cyberwelt erscheint ihm ebenso real wie sein kümmerliches Dasein in der Wirklichkeit und irgendwann überlagern und vermischen sich die Realitätsebenen auf eine Art und Weise, die weder Ben noch der Zuschauer so erwartet oder erhofft hätte: Mit einem außergewöhnlichen Mix aus Online-Game und Realfilm überrascht das niederländisch-belgische Teenie-Drama "Ben X" des belgischen Schriftstellers Nic Balthazar, der mit der Verfilmung seines Bestsellers "Nichts war alles,was er sagte" als Regisseur debütiert. Beim Montreal World Film Festival räumte der Streifen im letzten Jahr bei seiner Premiere gleich drei Preise ab. (Deutschlandpremiere auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion Generation 14plus).

Das Spiel mit den Parallelwelten hat einen bitterernsten Hintergrund; es zeigt die verschiedenen Perspektiven eines autistischen Jugendlichen zwischen beglückender Selbstbestätigung und beschämender Erniedrigung. Die virtuelle Welt, in die Ben allmorgendlich eintaucht, ist die mystische Starke-Männer Welt des Online-Rollenspiels "Archlord", in dem Tausende von Spielern sich einloggen, um die Weltherrschaft zu erringen. Aber nur einer kann der Weltenherrscher werden. Ben wird´s, er wird zu Ben X, dem gefürchteten, allmächtigen XXL-Held Archlord. Aber sobald Ben den Computer ausschaltet, seine Schultasche packt, seine fürsorgliche Mutter widerwillig küßt und in der Schule auftaucht, weiß er, daß er sich auf einem Kriegsschauplatz befindet, wo er niemals siegen kann, wo er sich fürchtet anstatt gefürchtet zu werden, wo er schutzlos den schlimmsten Attacken seiner Mit-spieler/schüler ausgeliefert ist. Sein Schlachtruf im Cyberspace "alles ist Planung und Strategie" geht hier ins Leere.

Hänseleien unter Jugendlichen sind alltäglich und können normalerweise von Jugendlichen bewältigt werden. Aber Ben entspricht nicht der Norm, er ist anders, das war ihm selbst und den Eltern schon früh klar. Und nach einer quälenden Arzt-Odyssee, die im Film in Rückblenden dargestellt wird, erkennt man endlich sein Leiden: Das Asperger-Syndrom, eine abgeschwächte Form von Autismus. Als Betroffener ist Ben zwar hochintelligent, aber seine Gefühlswelt ist erheblich gestört. Weder kann er Gefühle ausdrücken, noch sie bei anderen erkennen oder bewerten. Ben leidet unter seinem Anderssein, seiner Einsamkeit, aber je mehr er versucht, sich unauffällig zu verhalten umso häufiger wird er von den bösen Buben seiner Klasse (beklemmend bösartig: Titus de Voogdt und Maarten Clayessens) provoziert und terrorisiert. Für sie ist er einfach ein "Marsmännchen". In Vor-Handy-Zeiten mag das mobbing eines Außenseiters tatsächlich noch mit dem verharmlosenden Begriff "Böse-Buben-Streiche" abgetan worden sein. Heutzutage, wo jeder Jugendliche ein internetfähiges Kamerahandy besitzt, erreicht die Sache eine neue, gefährliche Dimension: "Cybermobbing", "Cyberbullying" heißen die Schlagworte für ein schon kriminelles jugendliches "Vergnügen"-genau diesem fällt Ben zum Opfer, als seine wildgewordenen Mitschüler ihn vor aller Augen entblößen und erniedrigen und die Photos davon mit ihren Kamera-Handys ins Internet stellen. Sein Fluchtpunkt, das Internet, ist nun von den Zeugnissen seiner Schmach verseucht, und Ben weiß nun, das game ist over, es gibt nur einen Ausweg, Selbstmord. Da taucht aus dem Cyberspace Scarlite (Laura Verlinden) auf, die plötzlich, wie Ben von einer Welt zur anderen wandern, und in der wirklichen Welt für Ben allerhand bewirken kann.

Daß am Ende die Gerechtigkeit siegt und die Bösen ebenso subtil wie schmerzhaft bestraft werden, ist wirklich eine Genugtuung für den Zuschauer. Denn zu sehr hat der Film mit seiner eindringlichen Schilderung der verletzten Seele eines Jugendlichen berührt. Diese unmittelbare Wirkung entsteht durch die vorherrschende Erzählperspektive von Ben, aber auch durch die fast dokumentarischen Interviews mit den Eltern, die liebend und fürsorgend, aber rührend-hilflos den schweren Weg ihres Kindes begleiten. Herausragend: Marijke Pinoy als Ben´s Mutter.

Greg Timmermans als Ben: Eine gute schauspielerische Leistung des belgischen Theaterschauspielers und Kino-Debütanten, zweifellos. Aber in meinen Augen eine Fehlbesetzung, denn mit seinen 27 Jahren ist Timmermans einfach zu alt für diese Teenager Rolle! Nicht daß es ihm nicht gelänge, in vielen Variationen die Tragik des kleinen Ben darzustellen, aber im Kontext mit seinen Mitspielern hat man den Eindruck, als nähme der Lehrer statt der Schüler im Klassenzimmer Platz.

Drehbuchautor und Regisseur Nic Balthasar hat einen erstaunlichen Debütfilm abgeliefert. Der ehemalige Reisejournalist und Filmkritiker hat es nicht nur verstanden, wirklich brisante Themen wie Selbstmord, Einsamkeit, Entfremdung, soziale Ablehnung und Flucht in virtuelle Welten in eine ebenso beeindruckende wie auch erträgliche Filmform zu bringen, ohne daß ständig die Moralkeule geschwungen wird. Er hat auch das Kunststück fertiggebracht, zwei quasi konkurrierende Technologien, game und film, zu "versöhnen". Szenen des Computerspiels "Archlord" (Codemasters, 2006) wurden geschickt in den Film integriert; mehrere Gamer spielten dafür ganze Szenen mit virtuellen Charakteren auf Anweisung des Regisseurs. Ein attraktiver, moderner Hybrid wurde damit geschaffen - vielleicht zukunftsweisend?

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