Verfasst von André Gabriel am 06.05.05 00:00:00 - 2 Kommentare

Irréversible

Moviereporter-Bewertung:
  • 4.0/6 Sterne.
Leserwertung (7): 4.42 / 6

Land Frankreich

Genre Drama

Laufzeit: 97

Jahr 2002

Webseite
Trailer

Kinostart: 11.09.2003
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Inhalt

Sind sie gewapnet für einen wirklich tabulosen Film? Meinen sie, von sich selbst sagen zu können, dass ein Film eben nur ein Film ist; Bilder, mehr nicht? In Ordnung, dann versuchen sie es mit Irreversible - aber seien sie zumindest gewarnt.

Paris - Alex (Belucci, weiblich) und Marcus (Cassel) sind ein Paar, verstehen sich aber auch blendend mit dem Ex-Mann von Alex, dem eher logisch denkenden Pierre (Dupontel). Jenes Dreieck ist es, das den Film bezüglich der Darsteller beherrscht, doch eine Figur lernen wir erst später kennen - Alex, denn der Film weist eine äußerst revolutionäre Szenenabfolge auf (auch in Christopher Nolans Memento erleben wir beispielsweise keine klassische Szenenabfolge).

Kritik

Genauer gesagt, Irreversible läuft rückwärts, präsentiert uns also praktisch eine Szene, ein minutenlanges Geschehen, das irgendwann abbricht, die Kamera dreht sich einige Male und wir reisen in der Zeit wieder ein wenig zurück. Wie eben bereits erwähnt, zeigt uns Regisseur Gaspar Noé, der auch das Script geschrieben hat, diese Zeitreise immer in Form von schwindelerregenden, kreisförmigen Kamerafahrten; somit wird angekündigt: lieber Zuschauer, bitte schnallen sie sich an und ignorieren sie einfach die Übelkeit, denn wir kehren wieder ein wenig zurück. Zu Beginn des Films dauert dieses Kamerakarrussel aber eindeutig zu lange an; grob geschätzte fünf Minuten, in denen wir nichts anderes zu sehen bekommen als eine Häuserwand, den Himmel... und das immer wieder - leider ein misslungener Effekt, zumindest in dieser Intensität, denn irgendwann wirkt das, was eigentlich eher einschüchternd oder tragisch erscheinen soll, nur noch langwidrig - schade, drei Minuten weniger und die Einleitung wäre gelungen.

Also wie gesagt, der Film läuft rückwärts, was auch der Grund ist, dass ich nicht allzu viel zu der Geschichte sagen werde; die Möglichkeit, etwas zu verraten, wäre schlichtweg zu groß und da ich das nun wirklich schade finden würde, nur noch ein wenig zu Orientierung: Marcus und Pierre sind auf der Suche nach einem Mann und geraten in diesem Zusammenhang in das Pariser Schwulenmilieu, genauer in das sogenannte Rectum, mehr sage ich nicht.

Ja, die Variante, die gesamte Story von hinten aufzurollen, funktioniert einwandfrei und ist in stilistischer Hinsicht ein tatsächlich wunderbarer Versuch. Die Spannung, die zu Beginn sofort aufkeimt, hält zudem auch noch an, was nun zum einen an der dramatischen Geschichte an sich liegt, zum anderen aber eben auch an der Tatsache, dass wir diese verkehrte Chronologie nicht kennen und es einfach einmal etwas anderes, aber mindestens ebenso interessantes ist, sich Gedanken über den Ursprung, denn über den Ausgang zu machen.

"Le temps détruit tout - die Zeit zerstört alles"

Cannes 2002 - reihenweise verlassen die Zuschauer, meist fluchend und mit kritisch funkelnden Augen, das Kino, in dem der Film Irreversible gespielt wird. Ohne dabei gewesen zu sein, weiß ich, dass dann Worte fielen wie: "ekelhaft", "abstoßend" und weitere Formulierungen ähnlicher Art. Denn Irreversible ist hart und direkt, möglicherweise der brutalste Film, den ich je gesehen habe, doch es ist kein Splatter gemeint, nicht ausschließlich, nein, vielmehr diese unwahrscheinliche Offensive, mit der uns die tragischen Begebenheiten des Films präsentiert werden. Vergewaltigungen kommen in vielen Filmen vor, doch können sie sich an einen erinnern, der jene Vergewaltigungsszene nahezu ohne Cuts und minutenlang zeigt? Sehr wahrscheinlich nicht, denn das ist eine Rarität, ein Schritt, den viele gar nicht erst zu gehen wagen. Irreversible schon - und das Böse an der ganzen Sache, das was die Wirkung eben in diese Richtung drängt, die einige Menschen dazu veranlassen wird, den Film aufs Schärfste von sich zu weisen, ist diese ungeheure Realitätsnähe. Wir möchten wegschauen, denn was wir sehen wirkt so real, wenn auch unglaublich gewalttätig und menschenverachtend, dass es beinahe eine Angst weckt, die nunmal anders ist als die Ängste, die wir bei Horrorfilmen empfinden. Ein Gedanke drängt sich auf: das könnte auch uns passieren oder einem Menschen in unserer Nähe, jemandem, den wir kennen - das ist es, was brutal ist, nicht die Tatsache an sich, dass uns hier etwas gezeigt wird, was andere Filme nur andeuten. Wobei, das muss ich auch zugeben, allein die Vergewaltigungsszene schon die Frage rechtfertigt, warum dies nun so lange gezeigt werden muss; warum etwa zehn Minuten? Gut, der Film arbeitet kaum mit Schnitten, aber welche Wirkung soll dahinter stecken? Der Schock kann gar nicht weiter in die Höhe getrieben werden, da hätten dann doch zwei oder drei Minuten gereicht, denke ich.

In Stockholm gewann der argentinische Regisseur Gaspar Noé das Bronze Horse auf dem Filmfestival; das war im Jahr 2002. Ein Jahr später wurde der Film als bester ausländischer Film mit dem SDFCS Award in San Diego ausgezeichnet. Es folgten noch vier weitere Nominierungen für den besten Film, die zwar alle im Jahr 2004 waren, von denen jedoch keine zum Erfolg führte. Auch in Cannes war Gaspar Noé für die Goldene Palme nominiert, gewann den Preis aber nicht.

Noch ein Wort zur Musik: achten sie mal auf die Musik im Hauptmenü der DVD; allein diese Klänge sind nervenzerrend und liefern so eine passend einleitende Atmosphäre. Doch insgesamt verzichtet der Film eher auf musikalische Untermalung, was nicht unbedingt schlecht ist, denn der Realitätsbezug ist somit stärker.

Interessant: das Script war nur drei Seiten lang, so sind die meisten Dialoge tatsächlich improvisiert, heißt es.

Der Film ist gut, ein bewegendes Drama, nachvollziehbare menschliche Reaktionen, auch wenn sie noch so gewalttätig sind. Das Schicksal ist tragisch und leider so real und aus dem täglichen Leben gezogen wie eine Packung Milch - das, was dort geschieht, geschieht wohl jeden Tag mehrfach auf der Welt; ein Gedanke, der allein schon zerstörend wirkt. Es ist das wahre Leben in seiner reinsten bösen Form, der Alltag, leider, aber so ist es nunmal. Und eben dies wird auch die zentrale Aussage des Films sein: hier geht es nicht um Gewaltverherrlichung, bitte, das wäre mitunter die mangelhafteste Bewertung überhaupt. Meistens kommen die Bösen doch um ihre Strafe herum, das kann in den unterschiedlichsten Formen geschehen; entweder des Schicksals wegen oder schlichtweg aufgrund der Tatsache, dass -ich beschränke mich auf Deutschland- das Justizsystem aber sowas von unglaublich viele Lücken aufweist.


Jetzt kommentieren? / 2 Kommentare

  1. OnkelDrago

    OnkelDrago / 16.12.2007 17:28:42

    hab mir den Film vor ca nem Jahr angeguckt, richtig top., brutal aber top!


    6 Sternen

  2. Rusty

    Rusty / 17.12.2007 11:32:02

    Ich fand den Film auch top. Allein wie der Film aufgebaut war, war einfach genial. Irreversible ist zwar sehr brutal, aber ein Abbild unserer Gesellschaft.


    4 Sternen


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