Natural Born Killers
Inhalt
Quentin Tarantinos Version von Bonny und Clyde - kein normaler Film, sie werden sich wundern... aber was ist schon normal?Sie sind auf der Flucht. Vor der Polizei oder vor den Erlebnissen in ihrer Vergangenheit? Schnell wird deutlich, dass es sich hier nicht nur um eine lahme Crimestory handelt, nein lahm ganz sicher nicht. Denn Natural Born Killers ist hart, wirklich hart. Nicht umsonst hat der Film mal wieder ein FSK 18 erhalten (die Editingphase dauerte geschlagene elf Monate) - doch das geht in Ordnung und ist ja bekanntlich nichts Neues bei Filmen von Quentin Tarantino... oder denjenigen, an denen er nur irgendwie mitgearbeitet hat. In unserem jetzigen Fall handelt es sich um das Script, das Tarantino ursprünglich verfasst, sich dann aber wohl ein wenig von dem Film distanziert hat, und schließlich heißt es, dass er gemeinsam mit dem Regisseur Oliver Stone und zwei weiteren Namen (David Veloz, Richard Rutowski) zusammengearbeitet hat. Nun ja, was davon stimmen mag ist ziemlich egal, denn auf das Produkt kommt es ja im Endeffekt an und zumindest kann ich an dieser frühen Stelle der Review sagen, dass Tarantinos Handschrift deutlich erkennbar ist. Was ein Glück.
Sie sind ein Paar und töten wahllos. Gemeinsam ziehen sie durch die Wüste von New Mexico und hinterlassen eine nicht nur blutige Spur, sondern ein in Blut getränktes Massengrab - in drei Wochen sterben 52 Menschen durch die Hände von Mickey (Harrelson) und Mallory Knox (Lewis), Ehepaar, psychotisch... bis die Medien schon auf sie aufmerksam werden.
Wen sie jemand fragen sollte, welcher Film der wohl Umstrittendste in den 90er Jahren war, antworten sie getrost mit Natural Born Killers; ich denke, so weit kann man gehen. Regisseur Oliver Stone musste zusehen, dass seine Karriere nicht unter der Kritik zu leiden hatte, denn selbst nach -und jetzt halten sie sich fest- unglaublichen 150 Schnitten wurde der Film noch immer wie ein Straftäter behandelt - erster und bedeutendster Anklagepunkt: Gewaltverherrlichung.
Die praktisch erste Szene ist eine Bar, mehr ein Restaurant, ein typisches Highwaydiner eben. Das Ehepaar checkt ein, setzt sich genüsslich, Mickey isst ein Stück Kuchen, der zwar merkwürdig grün aussieht, aber zu schmecken scheint, und Mallory wirft Geld in die Jukebox und tanzt einsam aber sichtbar glücklich zu der auserwählten Musik. Es liegt etwas in der Luft, natürlich, sonst würde die Szene auch keinen Sinn ergeben, und schon bald erkennen wir das Debakel, das sich wie eine Wüstenschlange ankriecht (das sage ich nicht umsonst, aber achten sie selbst darauf, wenn sie den Film sehen). Ein betrunkener Gast, irgendwie ekelhaft in seiner Art und Weise, mit der jungen Mallory zu tanzen, macht sich an die Hauptdarstellerin heran und bekommt letztlich das zu spüren, was auch schon so viele andere Menschen zuvor erlebt haben - die pure Aggressivität, die reine, geballte Wut und scheinbar auch eine Prise Lust, jene Gefühle explosionsartig zu entfalten. Kurz und knapp: Mallory vernichtet den betrunkenen Typ förmlich und Mickey erledigt derweil den Rest; auch wenn er im Gegensatz zu seiner Frau eine Knarre nimmt (an dieser Stelle: freuen sie sich auf eine echt stylische Umsetzung, als Mickey die Dame hinter dem Tresen tötet... nur der Anfang einer atemberaubenden, nicht selten surrealistischen bildlichen Umsetzung, denn der Film offenbart eine beträchtliche Menge an technischem Ideenreichtum - ein Plus, das man wohl Regisseur Oliver Stone zuschreiben kann, wobei ich mir gut vorstellen könnte, dass auch Tarantino ein wenig die Finger ihm Spiel hatte).
Ursprünglich sollte ein anderer Darsteller die Rolle des Mickey Knox übernehmen, doch Warner Bros wollte aufgrund der Tatsache, dass der Film doch mehr kosten würde, als im Budget eingeplant war, einen größeren Namen verpflichten und entschied sich so für den bekannteren Woody Harrelson, der bereits in Filmen wie Doc Hollywood und L.A. Story zu sehen war. Zuvor war der in Chicago geborene Michael Madson im Gespräch gewesen, den man auch in Tarantinos Rachemovie Kill Bill Vol. 2 sowie in SinCity bewundern kann.
Ein Prinzip bleibt immer gleich: es kann sich um noch so viele vermeintliche Opfer handeln, eine Person muss am Leben bleiben, um von den Taten des Ehepaares zu berichten, die damit nichts anderes erreichen wollen als den Erfolg in den Medien und den damit zusammenhängenden gesellschaftlichen Bekanntheitsgrad.
Dann der Rückblick und die kreative Ader von Oliver Stone wird uns präsentiert. Es folgt eine Vorstellung der Familienverhältnisse von Mallory; und das in unbarmherzig intensiver Deutlichkeit, denn ihr pedophiler Vater und die "nichtstuende" Mutter wirken erschreckend, doch die Bilder lockern auf. Stone schafft ein Sitcom-Szenario mit dem Titel I love Mallory(sogar mit hintergründigen Publikumslachern) und koppelt dies mit den schrecklichen Begebenheiten aus Mallorys Kindheit und Jugend. Es fallen Sätze vom Vater wie: "Erst habe ich sie eingeritten", womit er seine eigene Tochter meint. Das ist makaber, ohne Frage, zeigt aber im Grunde doch wieder "nur" das, was man auch in anderen Filmen (und Büchern oder leider in der Realität) sieht - aber eben in anderer Art und Weise, was wiederum, wenn man es denn als Kunst betrachtet, denn jeder Film ist eine Form von Kunst, in Ordnung geht, denke ich, denn es lobt das Schicksal ja nicht; auch schwarzer Humor kann kritisieren.
Der Fleischlieferant Mickey tritt in blutiger Schürze auf, dann ist es Liebe auf den ersten Blick. Mallory und ihr neuer Freund machen eine kleine Tour mit dem Wagen ihres Vaters, Mickey wird des Diebstahls wegen verhaftet und eingelocht, kann aber schließlich fliehen, um seine Liebe aus den dreckigen Fängen ihres Erzeugers zu retten. Bevor sie aber gänzlich verschwinden stecken sie die Mum von Mallory in Brand und töten deren Ehemann; nur der jüngere Bruder bleibt übrig und Mallory verabschiedet sich mit den Worten: "Du bist frei".
"Von den unzähligen Massenmördern ist keiner wie Mickey und Mallory"
Die grobe Thematik, neben dem scheinbar naturellen Trieb des Menschen, jene Unglücke, die das eigene Leben nicht betreffen, mit einer schier überschwappenden Neugierde zu betrachten (dieser Unfall-und-jeder-guckt-hin-Effekt), von Natural Born Killers ist der Umgang mit Kindheitserlebnissen (denn nicht nur die Vergangenheit von Mallory wird beleuchtet), besser noch, es geht zentral um die Auswirkungen traumatischer Erlebnisse in einer Zeit, in der man am meisten auf den Schutz der Mitmenshcen angewiesen ist. Ein wichtiges Thema, das eben schlicht in einer anderen Packung steckt. Warum müssen wir immer nur Dramen sehen, wenn es um ein solches Thema geht? Und an dieser Stelle ganz deutlich: wer den Film als gewaltverherrlichend und unnütz brutal sieht, ihn darauf reduziert, der hat ihn nicht verstanden und sollte lieber den Mund halten.
Ihnen auf der Spur ist der äußerst skurile Cop Jack Scagnetti (Sizemore), doch mehr möchte ich von der Story nicht verraten. Nur so viel: auch die Katastrophengeilheit der Menschen steht im Mittelpunkt von Natural Born Killers, denn mit jedem weiteren Toten steigt das Ansehen der Serienkiller, die nur noch von Charles Manson übertroffen werden, aber dennoch zu regelrechten Stars aufsteigen.
Übrigens: in einer Szene, in der Mallory das Gesicht von Scagnetti gegen eine Wand schleudert, hat sie ihm bei den Dreharbeiten tatsächlich die Nase gebrochen. Der Name Scagnetti taucht auch in einem anderen Film auf, der der genialen Gedankenwelt von Quentin Tarantino entsprungen ist: Reservoir Dogs, in dem es einen Polizisten namens Seymour Scagnetti gibt.
Auffallend ist auch die starke Farbsymbolik in dem Film. So kann man die häufig auftretende Farbe Grün mit dem kranken, verfaulten oder auch gepeinigten Verstand von Mickey assoziieren (beispielsweise das grüne Neonlicht vom Drugstore).
Noch ein filmischer Zuammenhang: in A Clockwork Orange (1971) hat die Mutter des Psychopathen auch blaue Haare... wie die Mutter von Mallory.
Insgesamt wurde der Film in gerade mal 56 Tagen gedreht.
Weitere solcher Hintergrundinformationen, von denen es zu Natural Born Killers eine Vielzahl gibt, können sie unter folgendem Link in englischer Sprache finden - Trivia.



Kaspian / 12.12.2007 23:03:04
Krasser Streifen *g
nicht bewertet
mye / 13.12.2007 20:28:31
sprüht aber nur so vor genialität :)
5 Sternen
DocProc / 19.12.2007 15:32:00
echt hammer!
6 Sternen
Kenny / 16.02.2008 23:36:01
Einer meiner Lieblingsfilme von Oliver Stone. Er gilt als der Film mit den meisten Schnitten. Und super Soundtrack!
6 Sternen
Zoidberg / 28.04.2008 11:02:17
Geiler Film und echt gute Musik,Sollte man gesehen haben.
5 Sternen